Großer Preis von Deutschland,
Nürburgring (4. August 1957)

Nach dem Großen Preis von Deutschland 1957 am Nürburgring waren sich alle Fachleute und Zuschauer einig, dass dieses Rennen einzigartig war. Tatsächlich wurde noch Jahre später von diesem WM-Lauf für Formel-1-Rennwagen gesprochen, in dem der Argentinier Juan Manuel Fangio mit seinem Maserati die beiden englischen Ferrari-Werksfahrer Mike Hawthorn und Peter Collins besiegt hatte – nach scheinbar aussichtslosem Rückstand und einer unglaublichen Aufholjagd.

Es war Fangios letzter und größter Sieg – und der Gewinn seiner fünften Fahrer-Weltmeisterschaft. In einem Interview, das der englische Formel-1-Reporter Nigel Roebuck mit Fangio nach dessen Laufbahn-Ende führte, sagte der Argentinier zum Grand Prix von 1957 auf der Nordschleife: „Heute noch spüre ich die Angst, wenn ich an dieses Rennen denke. Ich wusste, was ich getan hatte und ich kannte die Risiken, die ich eingegangen war. Der Nürburgring war fraglos meine Lieblingsstrecke, ich liebte jeden Zentimeter und ich glaube, ich habe ihn an diesem Tag besiegt. An einem anderen Tag hätte er mich vielleicht besiegt, wer weiß das schon? Aber an jenem Tag führte ich den Wagen und mich selbst an die Grenzen und wahrscheinlich noch ein bisschen weiter. Ich bin zuvor nie so gefahren und wusste, dass ich es auch nie wieder tun würde. Ja, dieser Maserati – nicht sehr stark, aber wunderbar ausgeglichen, ein fabelhafter Wagen zum Fahren. Ich hatte das Gefühl, er wäre mir in die Hölle gefolgt, wenn ich ihn darum gebeten hätte.“

Jörg-Thomas Födisch hat diese Fabelrennen gesehen: „Schon wenige Wochen vor dem Großen Preis hatte mir mein Vater versprochen, dass wir dieses Rennen am 4. August zusammen auf dem Nürburgring besuchen würden. Sonntagfrüh fuhren wir von Andernach über Mendig zur Rennstrecke, stoppten in der Nähe der Döttinger Höhe und liefen zum Start- und Zielbereich. Mein Vater kaufte Eintrittskarten für den „Terrassenplatz“, leicht versetzt gegenüber den Boxen nahe der Bosch-Tribüne. Von dieser Stelle aus konnten wir den Start und den dramatischen Rennverlauf sehr gut sehen, außerdem verfolgten wir die spannenden Boxenstopps. Die Schlussphase mit dem atemberaubenden Finale und dem Sieg von Fangio habe ich immer noch deutlich vor Augen.“

In den 1990-Jahren lernte ich den bekannten Automobilsport-Historiker Bernhard Völker kennen, der mir mehrfach bei meinen Buchprojekten mit Rat und Tat zur Seite gestanden und mich immer wieder mit hervorragenden Rennsport-Aufnahmen unterstützt hat. Auch Bernhard Völker war an jenem 4. August 1957 als Jugendlicher am Nürburgring. Er stand im Streckenabschnitt „Schwalbenschwanz“ und machte sich dort vom fesselnden Rennverlauf Notizen. Später schrieb er einen Artikel über dieses legendäre Rennen. Für die Erlaubnis, seine damalige Reportage vom sogenannten „Jahrhundert Grand Prix“ auf meiner Homepage verwenden zu dürfen, sage ich ihm an dieser Stelle herzlichen Dank.


Danach wieder ein roter Blitz – Fangio!

von Bernhard Völker

Im August 1957 fahre ich als knapp 16-Jähriger 160 Kilometer mit dem Fahrrad durch die Pfalz, über den Hunsrück und die Eifel, um den Großen Preis von Deutschland für Rennwagen zu erleben und mein Idol Juan Manuel Fangio wieder zu sehen. Über Berg und Tal, hoch und runter. Übernachtung in Jugendherbergen: morgens Kakao und Brot, abends Erbsensuppe, im Schlafsaal die üblichen Stockbetten. Über heiße Straßen mit allem Gepäck die Steigungen hinauf. Ich denke immer nur an mein Ziel – den Nürburgring. Der Rennsport-Bazillus hatte mich im zarten Alter von zwölf Jahren befallen. Meine Familie machte eine Ferienfahrt in die Eifel, und da wollte mein Vater auch einmal ein Autorennen sehen. So kam ich zum Großen Preis 1953: Ascari (Ferrari) verlor, weit in Führung liegend, ein Vorderrad; es gewann sein Teamkollege Farina vor Fangio (Maserati). Die Rennatmosphäre faszinierte mich – das Dröhnen der Motoren, die Farben, die Jagd der Boliden.

Juan Manuel Fangio Maserati 250F Sieger im Jahrhundert Grand Prix

Juan Manuel Fangio (Maserati 250F) – Sieger im Jahrhundert-Grand-Prix.

Jean Behra Maseratis Nr. 2 in der Südkehre

Jean Behra, Maseratis Nummer zwei, in der Südkehre.

Von da an versuchte ich, an möglichst viele Informationen über Autorennen zu kommen: Zeitungsartikel, Reportagen im Rundfunk, Wochenschau im Kino; an Fernsehen war noch längst nicht zu denken. Ich sparte mein Taschengeld für die Rennberichte in „Das Auto, Motor und Sport“, alle 14 Tage, mit Ungeduld erwartet. 1954 und 1955 kehrte dann Mercedes in die Formel 1 zurück, und ich schwärmte vor allem für zwei Männer: Weltmeister Juan Manuel Fangio und Hans Herrmann, das junge deutsche Talent. Leider konnte ich die Silberpfeile in diesen beiden Jahren nicht selbst erleben, aber 1956 machte ich mich mit einem Freund wieder auf den Weg zum Nürburgring. Natürlich mit dem Fahrrad – die Eisenbahn war viel zu teuer. Beim Großen Preis dominierten die Lancia-Ferrari mit einem beeindruckenden Aufgebot: Fangio, Collins, Castellotti, Musso, de Portago. Nach dem Rennen konnten wir uns sogar ins Fahrerlager drängen und die Wagen aus der Nähe bestaunen. Mein Freund erinnert sich noch heute, dass ich dort ein paar Splitter Lack von Castellottis Monoposto mitgenommen habe. Im folgenden Jahr starte ich dann allein, mit dem gleichen Ziel: Großer Preis am „Ring“. Die Herbergsmutter in Nürburg erkennt mich gleich: „Ach, Du bist auch wieder da!“

Ich komme schon am Donnerstag an, um möglichst viel zu sehen. Fangio hatte in dieser Saison auf dem Maserati 250 F bereits drei WM-Läufe souverän gewonnen und steht so mit Abstand an der Spitze der Fahrerwertung. Wird er die Erfolgsserie fortsetzen können? Es gelingt mir, mich wieder ins Fahrerlager zu schmuggeln und im Organisationsbüro sogar eine Zutrittskarte für die Boxen zu erbetteln. Damit bin ich im Zentrum des Geschehens, kann neben den Fahrern stehen und ihnen zuhören (auch wenn ich die Sprachen kaum verstehe), bekomme Autogramme: Fangio, Moss, Hawthorn, Collins, Behra. Ich kann die Rennwagen aus der Nähe bestaunen, den Monteuren bei der Arbeit zusehen und – mit einem ganz primitiven Apparat – auch einige Fotos machen. Im heutigen Rennbetrieb wäre das unmöglich: überall Absperrungen, Drahtzäune, Ausweiskontrollen. Das Publikum wird auf Distanz gehalten. Ich erinnere mich, dass Fangio sehr ruhig wirkte, freundlich und gelassen. Collins ein fröhlicher junger Mann. Um Behra herum wurde meist lebhaft diskutiert und gelacht, er konnte sich hervorragend durch seinen Gesichtsausdruck und seine Gesten verständigen.

Das Rennen erlebe ich, wie im Vorjahr, am Streckenabschnitt „Schwalbenschwanz“. Dort hat man eine gute Aussicht über einen längeren Abschnitt, sieht die Wagen aus dem Wald herausschießen, über die Brücke fliegen, die beiden Linkskurven ansteuern und dann zum Galgenkopf hochdonnern. Ich will wieder alles genau notieren und lege auf der Rückseite einer Pressemitteilung eine Tabelle an: 22 Runden, 24 Wagen – jede Durchfahrt wird mit der Startnummer vermerkt. In den ersten beiden Runden führen die Ferrari-Piloten Hawthorn und Collins, dann geht Fangio an die Spitze und vergrößert ständig seinen Vorsprung. Kein Wunder: Er hatte die schnellste Trainingszeit erzielt (9:25,6 Min.), deutlich besser als sein Rundenrekord vom Vorjahr. Mögen die Ferrari und die Vanwall in der Spitze schneller sein – hier am Ring zählt vor allem das fahrerische Können. Eigentlich eine klare Sache: Wenn Fangios Maserati durchhält, wer sollte ihn gefährden können? Es sieht nach einem eintönigen Rennen aus. Doch dann die Überraschung, der Schreck: In der 13. Runde kommt er nur an dritter Stelle durch, mit deutlichem Abstand zu den beiden Ferrari. Was ist passiert? Ein Schaden am Fahrzeug? In unserem Abschnitt erhalten die Zuschauer leider keine Lautsprecherinformationen. Wir sind verunsichert und ziemlich ratlos.

Fangio im Gespräch mit Stirling Moss

Fangio (links) im Gespräch mit Stirling Moss.

Die Ferrari Piloten Mike Hawthorn und Peter Collins

Die Ferrari-Piloten Mike Hawthorn (links) und Peter Collins.

Juan Manauel Fangio

Juan Manuel Fangio.

Mike Hawthorn

Mike Hawthorn.

Was wir nicht sehen und erst nachträglich erfahren konnten: Die Maserati-Mannschaft hatte im Training festgestellt, dass die Pirelli-Reifen die volle Distanz von 500 Kilometern nicht durchhalten würden. Auch der Spritverbrauch des 250 F ist zu hoch. Also Reifenwechsel und Nachtanken? Doch in der damaligen Formel 1 gilt schon seit Jahren: Wer stoppt verliert! Maserati-Rennleiter Nello Ugolini schickt den Argentinier daher mit halbvollem Tank ins Rennen, damit er einen Vorsprung herausfahren kann. Als Fangio nach Runde zwölf an die Boxen geht, liegt er 28 Sekunden vor den Ferrari-Fahrern Mike Hawthorn und Peter Collins. Doch der Stopp verläuft chaotisch und dauert viel länger als geplant. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit kann der Champion wieder ins Rennen gehen: Rückstand 45 Sekunden! An der Maserati-Box hatte man aber auf einen psychologischen Trick gesetzt: Fangio solle mit ernstem Gesicht und Kopfschütteln losfahren und sich zwei Runden lang zurückhalten. So geht das Ferrari-Team unter Rennleiter Romolo Tavoni in die Falle. Man hält den Sieg für gesichert und signalisiert dem Führungsduo: Nur noch Tempo halten! Dann aber holt Fangio in einer Runde zehn Sekunden auf – und man kann den Spitzenreitern erst eine Runde später das Zeichen „Schneller“ geben. Die beiden Briten gehen nun ans Limit – doch wo sind die Grenzen für den Altmeister aus Argentinien?

So erfahren wir nichts von dem Boxenstopp und können nur beobachten, was sich jetzt abspielt. In meinen Notizen (ich habe sie heute noch) steht hier: 14. Runde – „Abstand noch größer!“ Ist alles verloren? Aber dann, 16. Runde: „Abstand kleiner! 30 Sekunden“. Ist das möglich? In so kurzer Zeit 15 Sekunden aufgeholt? Jetzt fiebern alle: Kann es der Champion denn noch schaffen? Wir können von unserem Platz aus über eine Entfernung von vielleicht zwei Kilometern durch eine Waldlichtung ein kleines Stück der Bahn erkennen und sehen dort die Wagen durchflitzen, ehe sie kurz danach bei uns vorbeiziehen. Zwei rote Punkte dicht hintereinander – das müssen die beiden Ferrari sein; danach wieder ein roter Blitz – das ist dann Fangio. Jedes Mal bricht Jubel aus, wenn sich der Abstand erneut verringert hat. Meine Notizen könnten nicht knapper und eindeutiger sein: 18. Runde: 22 Sekunden, 19. Runde: 15, 20. Runde: vier Sekunden, 21. Runde: „Er ist vorn!“ Wenn jetzt der rote Maserati vorbeidröhnt, winken und schreien alle, werfen begeistert die Arme hoch. Wir spüren, dass wir hier Zeugen einer einmaligen Leistung werden. Fangio erreicht mit einer Serie von immer neuen Rekordrunden Zeiten, die niemand für möglich gehalten hätte. Nie werde ich seine Bestmarke vergessen: 9:17,4 Minuten. Nach dem grandiosen Rennen gibt es unter den Zuschauern nur ein einziges Thema – diese unglaubliche Aufholjagd: „Hast du das gesehen, hättest du jemals gedacht ...?“

Als ich dann zwei Tage später – zufällig gerade an meinem Geburtstag – müde, aber glücklich zu Hause ankomme und meine Mutter mir die Tür öffnet, sind meine ersten Worte: „Fangio hat wieder gewonnen – und wie! Dieses Rennen – das kann man eigentlich nicht erzählen, das muss man erlebt haben.“

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