Es gibt viele interessante Veranstaltungen für Oldtimer-Freunde. So zum Beispiel in Beaulieu, rund 150 Kilometer von London entfernt im New Forest National Park (Hampshire). Dort findet seit 1967 zweimal jährlich, im Mai und im September, der Internationale Autojumble statt. Seit Mitte der 1990er Jahre besuche ich regelmäßig diesen größten Auto- und Teilemarkt in Europa. Der kleine, verträumte Ort nahe Southampton lockt immer wieder Automobilia-Sammler, Schnäppchenjäger, "Petrolhead-Fans" und "Schatzsucher" aus allen Ecken der Welt an. Für mich ein Eldorado meiner automobilen (Rennsport)Passion, denn hier finde ich alles, was mein Herz begehrt: Bücher, Zeitschriften, Fotos, Plakate, Rennprogramme, Logos, Signaturen, Modelle, originale Teile von Rennwagen, Ersatzteile, Werkzeuge, Automobilia und Retro-Lifestyle-Artikel wie Kleidung, Picknick-Sets, klassische Spielzeugautos und vieles mehr. Eingebettet in der malerischen Naturlandschaft am Rand des National Parks befindet sich "Palace House", der Herrensitz des Auto-begeisterten Lord Montagu (1926 - 2015). Montagu, der die Veranstaltung 1967 ins Leben rief, stellt inmitten seines Areals zweimal im Jahr für den - inzwischen weltbekannten - Oldtimer-Markt sein weitflächiges Parkgelände zur Verfügung.
Beim "Spring Motor Mart Autojumble" im Mai mit rund 700 Verkaufsständen, und im September beim wesentlich größeren "International Autojumble" mit mehr als 2000 Ständen, wird von den "Stall holders" (Standbetreibern) auch fast alles zum Verkauf angeboten, was - neben den oben genannten Accessoires - mit Autos und mit Motorrädern seit Beginn des motorisierten Zeitalters in Verbindung gebracht werden kann: Motorenteile, Kühlergrills, Armaturen, Lampen, Reifen, Schrauben, Memorabilien - aber auch Trödel und Antikes rund um die Garage und um's Haus. Und als besonderes Highlight gibt es hunderte Oldtimer und Youngtimer zu bewundern und zu kaufen. Dabei reicht die Palette von Luxuskarossen bis hin zu Schrottvehikeln, für die vor Jahren die erste größere Auktion mit beachtlichen Zuschlägen ablief. Dass der Werbeslogan "Wenn du ein gesuchtes Teil nicht in Beaulieu findest, dann gibt's das wahrscheinlich gar nicht" stimmt, bewies beim Autojumble 2001 eindrucksvoll die Mannschaft eines Austin Seven Fifty-Clubs: In der Rekordzeit von wenigen Stunden wurde ein komplettes fahrfertiges Auto zusammengebaut, die Austin-Spezialisten machten aus einem "Rolling Chassis" ein fahrfertiges Auto. Der Clou dabei: Außer dem Fahrgestell und der Rohkarosse wurden alle Teile direkt auf dem "Autojumble" gekauft und eingebaut.
Los ging es am Samstagmorgen mit dem besagten Fahrgestell von 1935 und einer unlackierten Karosserie im Roadster-Stil. Anschließend schwärmte das Suchkommando des Seven-Clubs aus und stöberte nach passenden Teilen. Pünktlich zum Mittagessen lief am Sonntag bereits der 750-ccm-Motor, gekauft für 150 Pfund und mit diversen Neuteilen versehen. Um 16.30 Uhr dann der spannende Augenblick: ein Dreh an der Kurbel, der Motor sprang an und das Auto setzte sich in Bewegung. Neil Carr-Jones, Sekretär des Seven Fifty Club, war sichtlich stolz auf die Leistung seiner Mitglieder und benannte die angeblich 337. Variante des zwischen 1922 und 1939 gebauten Kleinwagens nach seinem Entstehungsort Beaulieu. Stephen Vokkins, Film & Video Manager des National Motor Museums, dokumentierte die Suche nach den erforderlichen Teilen und den Zusammenbau. Er sagte: "Jede einzelne Schraube und Mutter wurde hier auf dem Gelände gekauft."
Ans Herz wachsen durfte der Seven seinen Erbauern aber nicht. Schon kurze Zeit nach seiner Jungfernfahrt wechselt er den Besitzer. Claire Dupont, Foto-Journalistin aus Frankreich, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: "Bei meinem ersten Besuch in Beaulieu habe ich mir für ein Pfund ein Los gekauft. Zu dem Zeitpunkt konnte man damit das noch unfertige Auto gewinnen, und prompt hatte ich den Hauptgewinn gezogen." Der erste Gratulant war übrigens Lord Montagu of Beaulieu selbst. Einige Monate später, im Februar 2002, machte der Wagen nochmals Schlagzeilen. Austin Seven Fans vom Kontinent konnten sich das Snap-Kit-Auto auf der weltbekannten Retromobile in Paris ansehen, als es seiner Besitzerin offiziell und feierlich übergeben wurde.
Der "Autojumble": eine unerschöpfliche und faszinierende Fundgrube für Schnäppchenjäger und solche, die es werden wollen. Das überwältigende Angebot machen den Fans allerdings immer wieder zu schaffen, denn die beiden Veranstaltungstage reichen meist nicht aus, alles zu sehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man nicht unbedingt zum Kreis der Besitzer von historischen Automobilen und Motorrädern gehören muss. Man kann auf Beaulieus legendärem Autojumble-Gelände auch voll auf seine Kosten kommen, wenn man sich z.B. "nur" um Bücher, Zeitschriften, Fotos, Kataloge etc. kümmert.
Wer nach der Schatzsuche auf den grünen Wiesen noch Zeit hat, sollte das nahe gelegene Montagu-Motor-Museum besuchen. Dort befindet sich seit 1952 eine der größten Veteranen-Sammlungen der Welt. Unter anderem stehen dort so legendäre Rekordwagen wie der "Golden Arrow", Baujahr 1929, und der 24-Zylinder-Sunbeam (1000 PS) von Sir Henry Seagrave, ein 14,5-Liter-Itala von 1907 und nahezu die gesamten Modelle der Austin- und Jaguar-Rennwagen. Außerdem sind zahlreiche Formel-1-Boliden aus allen Epochen der Grand Prix-Geschichte zu sehen. Zudem werden aktuell mehr als 250 der historisch interessantesten Fahrzeuge ausgestellt.
HInweis: Das Museum ist die Heimat einer der bedeutendsten Sammlungen von Autobüchern, Zeitschriften, Fotografien, Filmen und anderer Automobilia weltweit.
(Jörg-Thomas Födisch)